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29. März 2021

Mit einem Jahr Verspätung wurde der Kabriizi Preis zum 10. Mal übergeben. Im Frühling 2020 hatte die Kulturkommission Anna und Ueli Schäli-Renggli als Preisträger für den Kabriizi-Preis bekannt gegeben. Aufgrund der Pandemie musste die geplante öffentliche Feier leider abgesagt werden. Die Kulturkommission war zuversichtlich, die Preisverleihung in gebührenden Rahmen nachholen zu können.

>>> Link zur Fotogalerie der Preisverleihung

Am Ufer des Gerzensees
Leider gestattet die aktuelle Lage immer noch keine grosse öffentliche Feier. Darum fand die Kabriizi-Preisverleihung am 27. März 2021 im ganz kleinen Rahmen statt. Mit dem Platz am Ufer des Gerzensees wurde dafür einer der Lieblingsorte der Preisträger gewählt. Als Präsidentin der Kulturkommission war Irene Röthlin für die Vorbereitung und Durchführung der Preisverleihung verantwortlich. Sie bereitete den würdigen Rahmen. Im Namen der Gemeinde überreichte Gemeindepräsident Beat von Deschwanden den „Mini-Kabriizi“. Er ist der Kabriizi-Säule nachempfunden, die vor dem Steinhaus die Liste aller PreisträgerInnen trägt. Das schwere Gebilde aus Stahl untermauert das Gewicht und die Bedeutung der Leistungen der beiden Preisträger. Passend bemerkte Beat von Deschwanden: "Es ist faszinierend, was die beiden Preisträger geleistet und bewirkt haben. Ein Blick auf die Webseite Berufsbildung Sambia verrät, dass noch weitere Projekte warten."  

Laudatio von Martin Ming
Im sehr persönlichen und herzlichen Rahmen übernahm der langjährige Freund und Wegbegleiter Martin Ming die Rolle des Laudators. Er konnte in vielen kleinen Anekdoten aus dem Leben von Anna und Ueli Schäli berichten, Erinnerungen an Vergangenes wecken und die Gedanken auch in die Zukunft lenken. Er untermauerte in seinen Ausführungen den Mut, die Keckheit und den Ehrgeiz der Schälis. Das sind die Eigenschaften, welche sie zu würdigen Trägern des Kabriizi-Preises machen.

Damit auch die Öffentlichkeit einen Einblick in das Leben und Wirken von Anna und Ueli Schäli erhalten, folgt hier Martin Mings Laudatio:

Anna und Ueli Schäli-Renggli
Effretikon (ZH), Boltshausen (TG), Santa Ana Nichi (Mexiko), Hochdorf (LU), Willisau (LU), Kerns, Mpima Kabwe (Sambia Afrika), Kerns Hoheneich, Chikupi Kafue (Sambia Afrika) und wieder Kerns, das sind die bisherigen gemeinsamen Lebensorte von Anna und Ueli Schäli. Ob die Reihe der Wohnorte abgeschlossen ist, bleibt momentan offen. Ihre Wohnsitznahme war aus verschiedenen Gründen nicht immer und überall sehr lange. Sie richtete sich anfänglich nach ihren eigenen Möglichkeiten und später nach ihren Tätigkeiten und Projekten.

Der Lebensweg
Anna und Ueli haben in den letzten 50 Jahren ein sehr bewegtes und interessantes Leben geführt. Beide haben sich schon in jungen Jahren in ihrem persönlichen Umfeld an Ungerechtigkeiten gestört. Beide strebten danach, zuerst kleinere und später auch grössere Ungerechtigkeiten zu bekämpfen oder mindestens zu lindern. Sie wollten stets Benachteiligten helfen, z.B. wo es Kindern nicht möglich war, eine Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu erhalten, wo Menschen (Einheimische) Not litten und nichts hatten, wo Menschen keine medizinische Versorgung bekamen, oder wo Regierungen ihr Volk ausbeuteten.

Anna und Ueli haben lange Ausbildungswege hinter sich. Sie leben das lebenslange Lernen.

Anna hat eine kaufmännische Lehre in der Hotellerie absolviert (Arbeit beim Schweizer Fernsehen), sich zur hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin ausgebildet (Arbeit im Uni-Spital Zürich), sich zur Katechetin für alle Stufen der Volksschule weitergebildet (Unterricht in Willisau und Kerns).

Ueli hat in Kriens die Maschinenzeichnerlehre absolviert, bei einem Baugeschäft im Entlebuch in Teilzeit die Maurerlehre abgeschlossen, die Fernmatura bestanden, das Agronomie-Studium an der ETH in Zürich mit Erfolg hinter sich gebracht und mit einem Zusatzstudium in internationaler Zusammenarbeit seine Ausbildungen abgeschlossen.

Seine Lehrtätigkeiten waren an den landwirtschaftlichen Schulen in Willisau und Giswil. Er wirkte als Departementssekretär beim Land- und Forstwirtschafts-departement Obwalden.

Aufgrund ihrer Arbeitsorte auf verschiedenen Kontinenten haben sie immer wieder neue Sprachen erlernt (Englisch, Spanisch, Bemba und Nyanja).

Obwohl Anna und Ueli, wie viele Jugendliche in dieser Zeit, schon in jungen Jahren in losen Kontakt mit Missionaren kamen und beide gewisse Sympathien für sie hatten, war es nicht ihre Mission, den christlichen Glauben der römisch-katholischen Kirche nach Mexiko oder Afrika zu bringen, sondern der dort ansässigen Bevölkerung zu helfen, ihre Lebenssituation zu verbessern, sie zu motivieren ihre Landstücke anders zu bewirtschaften, ihnen zu zeigen, dass ihr Boden fruchtbar sein kann und ganz verschiedene Gemüse, Früchte und Getreide darauf wachsen können und sie zu befähigen die Feldarbeit erfolgsversprechend zu gestalten. Das Ziel war es immer, den Einheimischen zu einem lebenswerten Leben zu verhelfen. All diese Unterstützung haben sie geleistet, dabei aber immer die Kulturen in den verschiedenen Ländern respektiert.

Santa Ana Nichi in Mexico
Ihr erstes Entwicklungszusammenarbeitsprojekt haben Anna und Ueli in den Jahren 1979 und 1980 zusammen mit ihren Kindern Christian, Beat und Sabina in Santa Ana Nichi in Mexico auf 3'000 M.ü.M bei den Mazahua-Indianern in Angriff genommen. Sie arbeiteten in einem Landwirtschaftsprojekt, das von der Albert Schweizer-Stiftung getragen und von der ETH Zürich begleitet wurde. Ueli baute zusammen mit den Ortsansässigen einen Ausbildungsbetrieb mit Schafen, Mais- und Gemüsebau auf. Anna sorgte sich um ihre Kinder und pflegte nebenbei den Gartenbau und den Hofladen.

Kaum zurück in der Schweiz, konnten Anna und Ueli die Geburt von Andreas feiern. Immer wieder lebten auch andere Kinder in ihrer Familie; David und Janina adoptierten sie. Nach 23 Jahren, als alle ihre Kinder selbstständig waren und teilweise eigene Familien gegründet hatten, wandten sich Anna und Ueli einem neuen Projekt zu.

Mpima bei Kabwe in Sambia
Sambia, genauer Mpima bei Kabwe war ihr neues Tätigkeitsfeld. Nach dem Erlernen der Sprache (Bemba) widmeten sie sich wiederum dem Aufbau eines Landwirtschaftsbetriebes und der Gesundheitsversorgung von AIDS-Patienten. Das Projekt wurde finanziert durch die Bethlehem-Mission und die sambische Bischofskonferenz.

Mit grossem Engagement und begleitet von vielen Unwegsamkeiten konnten Anna und Ueli einen Ausbildungsbetrieb aufbauen, der viele Einheimische befähigte, ein besseres Einkommen zu erarbeiten. Junge Männer und Frauen hatten die Möglichkeit, auf dem Landwirtschaftsbetrieb ein Praktikum zu absolvieren, um andere Anbaumethoden für Gemüse und Getreide und auch die Pflege eines Obstgartens (Orangen, Bananen, Guava, Papaya) zu erlernen. Der Anbau von verschiedenen Gemüsen (Krautstiel, Tomaten, Spinat, Auberginen, Karotten, Kohl) verbesserte die Menükarte der Familien in der Umgebung und damit auch ihre Gesundheit. Zum Betrieb gehörten auch verschiedene Tiere (Kühe, Schweine, Hühner, Enten, Hasen und Fische).

Ueli förderte und forderte die Mitarbeitenden, sodass sie mit ihrer Arbeit ihre Lebensgrundlage und ihre Lebenssituation ganz wesentlich verbessern konnten. Die Mitarbeiter und ihre Familien entwickelten Eigeninitiativen, die dazu führten, dass im Busch überall kleine Gärten entstanden.

Anna koordinierte das Home Base Care, eine Spitex-Gruppe auf ehrenamtlicher Basis. Das Leid, das in Sambia durch die AIDS Pandemie allgegenwärtig war, war gross und es fehlte an allem. Die Lebenserwartung war mit 38 Jahren sehr tief. Anna versuchte zusammen mit ihren Helferinnen und Helfern, das Notwendigste an Nahrung und Medizin zu organisieren; sie transportierte Kranke ins Spital von Kabwe, wo die Leute, wenn sie Glück hatten und zur richtigen Zeit da waren, eine notdürftige Versorgung und vielleicht sogar ein Bett bekamen.

Zusammen mit meiner Frau hatte ich die Möglichkeit, Anna und Ueli während ca. vier Wochen zu besuchen. Wir waren überrascht, wie Anna und Ueli ihr Projekt mit sehr bescheidenen Mitteln aber mit viel Initiative und grosser Kompetenz betreuten und positiv gestalteten. Sie konnten ihr Projekt gut aufgestellt einem Nachfolger weitergeben.

Nach ihrem Weggang durchlief das Projekt eine schwierige Phase. Kurz später folgte aber die grosse Überraschung. Die ehemaligen Angestellten von Ueli gründeten die «Kooperation Ueli» und nahmen das Heft selbst in die Hand. Sie führten das Projekt weiter und dehnten ihre Tätigkeiten aus. Anna und Ueli konnten wieder mit Freude zurückblicken und sich freuen, dass ihr Projekt wieder lebt und was noch viel besser ist, es wird von den Einheimischen in eigener Regie weitergeführt.

Chikupi bei Kafue in Sambia
Seit 2012 läuft ein weiteres Zusammenarbeitsprojekt in dem Anna und Ueli aktiv sind. Es ist ein Berufsbildungsprojekt. Obwohl die kath. Kirche als Eigentümerin der Schule, und der Staat Sambia für dieses Projekt kein Geld bereitstellen konnten, was Anna und Ueli erst vor Ort erfuhren, sind sie geblieben und haben sich selbst um die Finanzierung gekümmert. Auch die Bethlehem Mission Immensee änderte ihre Politik und gewährte keine Projektfinanzierungen mehr. Sie stellt seither Fachpersonen zur Verfügung. Eine Stiftung aus Deutschland und der neu gegründete Verein «Förderverein Berufsbildung in Sambia», sowie die von der Schule und dem Landwirtschaftsbetrieb erarbeiteten Mittel, ermöglichen den Betrieb der Schule.

Im Berufsbildungszentrum Chikupi werden Jugendliche aus unterprivilegierten Verhältnissen theoretisch und praktisch ausgebildet. Die Berufe Elektriker, Maurer, Schlosser, Landwirt und Schneiderin werden angeboten. In allen Abteilungen werden Frauen und Männer ausgebildet. Sie können einen staatlich anerkannten Berufsabschluss erlangen. Bisher haben alle Prüflinge bestanden. Mehr als die Hälfte von ihnen fand eine Anstellung, die anderen arbeiten selbstständig. Die Schule beschäftigt 25 Angestellte (Lehrerpersonen, Sekretärin, Köchin, Sicherheitsleute und Farmarbeitende). Auf dem angegliederten Landwirtschaftsbetrieb gibt es ungefähr 500 Mastschweine, Fische, Hühner, Gemüse- und Getreidefelder. Der Erlös aus dem Verkauf der Erzeugnisse dient der Mitfinanzierung der Schule.

Das Berufsbildungsprojekt Chikupi läuft inzwischen unter sambischer Leitung selbstständig. Anna und Ueli leben seit Dezember 2020 wieder im Hoheneich. Die verantwortlichen Leute in Sambia betreuen und beraten sie von der Schweiz aus oder wenn nötig gehen sie vor Ort.

«Jede Internationale Zusammenarbeit soll der Selbsthilfe dienen und an eine einheimische Trägerschaft übergehen» sagen Anna und Ueli.

Anna und Ueli Schäli verdienen die Ehrung als Kabriizi wohl:

  • Sie beweisen grossen Mut, etwas beherzt anzugehen, dessen Ausgang nicht immer sicher ist,
  • mit ihrer Besonnenheit und ihrem Enthusiasmus können sie viel bewirken,
  • Sie können ihre Ziele auf ausgefallene und kreative Weise angehen, um so Gutes zu bewirken,
  • Sie haben immer den Ehrgeiz, für andere das Beste zu geben.

 

Dankbarkeit
Zum Abschluss der bewegenden Laudatio betonte Martin Ming, was bei seinen Ausführungen für alle offensichtlich wird: "Es ist mehr als angebracht, herzlich zu gratulieren und Anna und Ueli die Ehre zu erweisen!"

Im Namen der beiden Preisträger ergriff danach Anna Schäli das Wort. "Wir haben viel erlebt und durften vielen interessanten Menschen begegnen. Auch hatten wir viel Glück im Leben; ohne das wären die Projekte nicht erfolgreich gewesen." In Gedanken an ihre sechs erwachsenen Kinder und die Projekte in Sambia ergänzte sie: "Als es an der Zeit war, haben sie uns gehen lassen. Dafür sind wir sehr dankbar!"

Anna und Ueli Schäli haben lange auf eine schöne Feier mit zahlreichen Gästen gewartet – und mussten letztendlich doch enttäuscht werden. Die Familie, Freunde, Gefährten und die Bevölkerung hatten keine Möglichkeit, der Preisverleihung beizuwohnen und die Schälis damit zu ehren. Die Kulturkommission dankt für das aufgebrachte Verständnis. Ein grosser Dank gilt Martin Ming, der mit seiner persönlichen Laudatio die würdige Preisverleihung ermöglicht hat.

Der grösste Dank gebührt selbstverständlich den beiden Preisträgern für ihre Tatkraft. Mit ihrem lebenslangen Wirken in der Schweiz und in der Ferne sind sie ein grosses Vorbild für handfestes, konkretes, gelebtes soziales Engagement, das den Menschen wirklich hilft.

Kulturkommission

Anna und Ueli Schäli Renggli